„Wenn man die Menschen an die Hand nimmt, dann funktioniert Inklusion auch“

-„Runder Tisch“ des LSB zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in Mainz-


Inklusion im Sport geht alle an – und zwar mehr denn je: Das ist eine der zentralen Botschaften der dritten Gesprächsrunde „Inklusion im Sport“, zu der der Landessportbund ins Haus des Sports nach Mainz geladen hatte. Als Beispiel für gelebte Inklusion in der Kommune wurde den Plenum das Leuchtturmprojekt „Einfach Gemeinsam – Sport in Kruft“ vorgestellt.

Rudolf Schneichel, Ortsbürgermeister der 4.000 Einwohner zählenden Ortsgemeinde in der Nähe des Laacher Sees im nördlichen Rheinland-Pfalz berichtete, ihm sei von Beginn an klar gewesen, dass vier Dinge für das Gelingen nötig sein würden – gute Ideen, klare Ziele, ausreichend Zeit und natürlich genügend Geld. Nachdem das Projekt nun ein halbes Jahr laufe, könne man sagen, dass die Vereine in Kruft jetzt wirklich inklusiv denken, machte Hiltrud Gunnemann, LSB-Abteilungsleiterin Sportentwicklung, deutlich. „Was dort in mittlerweile 20 Einzelveranstaltungen – vom inklusiven Fußballturnier bis hin zur barrierefreien Sportstättengestaltung – passiert ist, ist fantastisch.“ Laut Projektleiter Reiner Plehwe (DJK Kruft) ist das Erfolgsgeheimnis, „dass wir einfach mal losgelegt haben – und wir haben dabei immer inklusiv gedacht“. Auch Waltraud Bartz vom TV Kruft berichtete voller Stolz von dem Vorzeigeprojekt.

Nach der ersten Gesprächsrunde vor zwei Jahren hatte sich der Gedanke der Inklusion im Sport immer mehr im Bewusstsein der rheinland-pfälzischen Sportvereine und -verbände verankert. Viele Aktionen und Maßnahmen beförderten das Thema auf unterschiedlichen Ebenen. Um diesen Prozess lebendig zu halten, das Netzwerk an Kooperationen zu festigen und auch weiterhin voneinander zu erfahren und zu lernen, hatte der LSB erneut seine Netzwerkpartner Inklusion zu einem „Runden Tisch“ geladen. Mit Unterstützung und Begleitung durch Matthias Rösch, den Landesbeauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderung, standen die Fortschreibung des Landesaktionsplans Rheinland-Pfalz und auch der Inklusionsindex auf der Agenda.

„Im Sport tut sich schon eine ganze Menge“, konstatierte Rösch vor mehr als 30 Zuhörern. „Das in regulären Sportvereinen auch Angebote für Menschen mit Beeinträchtigung gemacht werden, ist erfreulich.“ Erfreulich sei auch, dass mehr und mehr Kinder mit Beeinträchtigung die reguläre Schule besuchen – aktuell 30 Prozent der Schüler mit festgestelltem Förderbedarf. „Auch im Schulsport sind also immer mehr Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen – hier gibt es hier noch eine Menge an Wissen zu vermitteln.“ Rösch, der selbst im Rollstuhl sitzt, sieht „einen großen Bedarf, dass wir in den regulären Bereich stärker reingehen und Vereine vor Ort fit machen, um Inklusion zu ermöglichen.“ Dies werde auch im Aktionsplan der Landesregierung eine Rolle spielen. Wichtig sei es, „dass wir für den Sport einen eigenen Aktionsplan entwickeln“. Dabei drehe es sich etwa um die Frage, wie man Infoleitfäden zusammenstellen könne, an denen sich die Sportvereine vor Ort orientieren könnten.

In den Augen von Olaf Röttig, Geschäftsführer des Behinderten- und Rehabilitationssportverband Rheinland-Pfalz (BSV RLP), „geht es bei der Einbindung von Vereinen im Moment nicht darum, große Projekte ins Laufen zu bringen“. Gold wert seien einfache Praxistipps. Röttig: „Bei vielen Vereinen ist es überhaupt noch nicht angekommen, dass man sich bei den Sportversicherungen keine Gedanken machen muss, wenn Menschen mit Down-Syndrom oder geistiger Behinderung mitmachen.“ Die bürokratischen Hürden seien oft niedriger, als man denke. Till Pleuger, Vereinsmanager des TSV SCHOTT Mainz, sagte, der wichtigste Punkt sei, dass man die Übungsleiter schule, damit sie wissen, wie sie mit Anfragen behinderter Menschen umgehen. „In Einzelfällen braucht man vielleicht mehr Personal – das kostet wieder mehr Geld.“ Nora Sties vom TV Mainz-Laubenheim indes vertrat die Auffassung, dass man eben nicht jeden Übungsleiter schulen müsse, wenn ein Sportler mit Beeinträchtigung in einer Übungsstunde mitmischen wolle. „Es wird sicher Einzelfälle geben, wo sich Menschen auch mal überschätzen“, so Sties. Aber eine bessere Idee, als alle rheinland-pfälzischen Übungsleiter zu schulen, sei es, pro Verein eine Person zu installieren, die sich wirklich gut auskenne in Sachen „Menschen mit Beeinträchtigung“. Dieser „Starthelfer“ müsse dann schauen, welche Angebote im Verein am ehesten passen würden. „Er sollte die ersten vier-, fünfmal ins Training mitgehen und schauen, ob es funktioniert – und den Übungsleiter bei Bedarf schulen“, schlug Nora Sties vor. „Das muss ein Vorstand aber auch wollen.“ Daniela Fuchs vom Verein „Bewegungskindergarten“ betonte, wenn man die Menschen an die Hand nehme, dann funktioniere Inklusion auch.

Den im Oktober 2014 veröffentlichten „Index für Inklusion im und durch Sport“ als einen Wegweiser zur Förderung der Vielfalt im organisierten Sport in Deutschland stellte Kristine Gramkow, Referentin Breitensport und Inklusion und stellvertretende Direktorin Sportentwicklung beim Deutschen Behindertensportverband, vor. „Mit dem Index wollen wir Vereine und Sportverbände zum einen informieren, aber auch sensibilisieren“, sagte Gramkow. Weitere Ziele seien es, den Inklusionsprozess im Sportverband oder -verein in Theorie und Praxis voranzutreiben und die interdisziplinäre Zusammenarbeit zu optimieren. „Der Kontakt ist der wichtige Punkt, um die Übungsleiter zu motivieren, diesen Index auch zu bearbeiten“, urteilte Jörg Mattes (DSLV Landesverband RLP) vom Gymnasium auf der Karthause.

Erfreut zeigte sich Claudia Altwasser, LSB-Vizepräsidentin Gesellschaftspolitik, dass den Wünschen von LSB, Special Olympics und BSV RLP folgend beim Landessportbund eine Koordinierungsstelle „Inklusion im Sport“ geschaffen werden soll, von der neue und wichtige Impulse für die große gesellschaftliche Aufgabe der Inklusion ausgehen. Zum Abschluss der Gesprächsrunde bat Altwasser die Netzwerkpartner, ihre Erwartungen an die Koordinierungsstelle zu formulieren, um auch hier den Gedanken der Netzwerkarbeit zu unterstreichen.

Verfasst von Michael Heinze am 07. Juli 2015.

Quelle: http://www.lsb-rlp.de/medien/pressemitteilungen/2768-wenn-man-die-menschen-an-die-hand-nimmt-dann-funktioniert-inklusion-auch

 

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